Familienpsychiatrie im Fokus
Prof. Dr. Sarah Kittel-Schneider ist neue Direktorin der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik
Prof. Dr. Sarah Kittel-Schneider ist seit 1. April 2026 Direktorin der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik des Uniklinikums Erlangen. Sie löst damit Prof. Dr. Johannes Kornhuber ab, der die Erlanger Psychiatrie seit Juli 2000 leitete. Bis zu ihrem Wechsel nach Erlangen war Sarah Kittel-Schneider Lehrstuhlinhaberin für Psychiatrie am University College Cork in Irland.
Ein Schwerpunkt der neuen Klinikdirektorin sind entwicklungspsychiatrische und affektive Erkrankungen über die gesamte Lebensspanne hinweg. Dabei konzentriert sie sich verstärkt auf ADHS und bipolare Störungen, auf den Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenalter sowie psychische Erkrankungen bei Eltern rund um die Geburt ihres Kindes. Prof. Kittel-Schneider bringt langjährige klinische Erfahrungen im ambulanten, teilstationären und stationären Bereich mit und es ist ihr ein großes Anliegen, innovative, interdisziplinäre Versorgungsmodelle zu etablieren.
Mit Zellmodellen und Biomarkern zur Präzisionspsychiatrie
„Es gibt erste Hinweise darauf, dass junge Menschen mit ADHS ein deutlich höheres Risiko dafür haben, später auch affektive und sogar neurodegenerative Erkrankungen zu entwickeln. Daher sind es übergeordnete Ziele meiner Arbeit, diese Zusammenhänge weiter zu erforschen und daraus Präventionsmöglichkeiten abzuleiten“, erklärt Prof. Kittel-Schneider. In ihrer Forschung konzentriert sie sich deshalb vor allem auf humane Zellmodelle psychischer Erkrankungen. Hierbei hat ihre bisherige Arbeitsgruppe unter anderem aus induzierten pluripotenten Stammzellen humane Nervenzellen generiert und erste funktionelle Ergebnisse im Bereich ADHS erzielt. Diese deuten zum einen auf Störungen im Energiestoffwechsel hin, zum anderen auf Veränderungen im glutamatergen Stoffwechsel und in der zellulären Erregbarkeit im Vergleich zu Zellen von gesunden, neurotypischen Personen. Zudem eignen sich besagte Zellmodelle dazu, die Wirkung von und das Ansprechen auf etablierte, aber auch neuartige Medikamente zu untersuchen. Hier stehen in der aktuellen Forschung ebenfalls Substanzen im Fokus, die eine Rolle in der Mikrobiom-Darm-Hirn-Achse spielen, etwa kurzkettige Fettsäuren.
Ein weiterer Aspekt sind multimodale Biomarker, dank derer psychische Erkrankungen künftig besser vorhergesagt, diagnostiziert und behandelt werden könnten. Im Rahmen dieses wissenschaftlichen Schwerpunkts ist Sarah Kittel-Schneider Mitglied in verschiedenen internationalen Konsortien, die u. a. Risikogene für eine bipolare Erkrankung und für ADHS untersuchen. „Ich sehe die Zukunft in der Kombination aus fluiden Biomarkern, Bildgebungsdaten und Machine Learning. Damit wird es uns immer besser gelingen, psychische Erkrankungen frühzeitig zu erkennen. Damit ebnen wir den Weg für eine personalisierte Psychiatrie und Psychotherapie und können die Prognose der Betroffenen verbessern. Außerdem geht es darum, Biomarker zu identifizieren, die uns vorhersagen lassen, ob jemand auf eine bestimmte Therapie ansprechen wird oder nicht“, sagt sie.
Eltern, Eltern-Kind-Beziehungen und junge Erwachsene im Blick
Großes Augenmerk legt Prof. Kittel-Schneider zudem auf peripartale psychische Erkrankungen – also Beschwerden, die bei Eltern rund um die Geburt ihres Kindes auftreten. Während der Schwangerschaft bzw. danach entwickeln bis zu 15 Prozent der Mütter und 5 bis 10 Prozent der Väter eine postpartale Depression. Wird diese nicht erkannt und behandelt, können Störungen im Umgang mit dem Kind, Bindungsstörungen oder sogar Vernachlässigung und Missbrauch entstehen. „Mein Ziel ist es deshalb, biologische und psychosoziale Risikofaktoren für solche Erkrankungen und auch die negativen Folgen für die Kinder besser verstehen und abfangen zu können“, erklärt die Fachärztin, die die europäischen Leitlinien für die postnatale Depression mitentwickelt hat und außerdem an einer deutschen S3-Leitlinie für peripartale psychische Störungen mitarbeitet. „Es ist zum Beispiel sehr sinnvoll, sich im Rahmen von U-Untersuchungen nicht nur das Kind anzusehen, sondern auch die Eltern hinsichtlich ihrer psychosozialen Belastungen zu befragen, so wie wir es im Innovationsfondsprojekt UplusE unter Leitung von Dr. Susanne Simen aus Nürnberg aktuell durchführen. Hierfür ist es entscheidend, dass Pädiatrie, Frauenheilkunde, Geburtshilfe, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychiatrie sowie Jugendhilfe und Beratungsstellen noch stärker als bisher zusammenarbeiten.“ Am Uniklinikum Erlangen möchte Sarah Kittel-Schneider u. a. psychotherapeutische Interventionen entwickeln, die die Eltern-Kind-Bindung und -Interaktion verbessern und verhindern, dass psychische Erkrankungen über Generationen hinweg weitergegeben werden. Dabei will die Klinikdirektorin insbesondere jungen Erwachsenen individuelle systemische Therapieansätze anbieten, wenn sie psychisch erkrankt sind. „Bei zukünftigen Forschungsprojekten möchte ich auch Betroffenenverbände und Menschen mit eigenen Erfahrungen noch stärker einbeziehen“, kündigt sie an. Insgesamt betont sie: „Ich übernehme von meinem Vorgänger eine sehr gut funktionierende Klinik, die ich in diesem Sinne weiterführen möchte. Der Fokus auf die Familienpsychiatrie wird wohl die größte Neuausrichtung sein.“
Beruflicher Werdegang von Sarah Kittel-Schneider
Sarah Kittel-Schneider studierte Humanmedizin an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, wo sie 2014 ihre fachärztliche Prüfung im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie ablegte. Im Jahr 2018 habilitierte sie zu Mehrebenen-Biomarkern bei der bipolaren Störung und bei Erwachsenen-ADHS. Sarah Kittel-Schneider war ab 2014 als leitende Oberärztin und ab 2017 als stellvertretende Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Universitätsklinikums Frankfurt tätig. Von 2019 bis 2023 arbeitete sie als W2-Professorin für Entwicklungspsychiatrie und stellvertretende Direktorin an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Universitätsklinikums Würzburg. Dort hatte sie zudem seit 2020 die ärztliche Leitung der Physiotherapie und der Kreativtherapien inne. Bis zu ihrem Wechsel nach Erlangen war die gebürtige Hamburgerin mit unterfränkischen Wurzeln Lehrstuhlinhaberin für Psychiatrie am University College Cork in Irland, Consultant im Mental Health Service South Lee Cork und Principal Investigator am APC Microbiome.
Weitere Informationen:
Prof. Dr. Sarah Kittel-Schneider
09131 85-34166
sarah.kittel-schneider(at)uk-erlangen.de







