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Häusliche Pflege: Wie belastet bin ich?

Häusliche Pflege: Wie belastet bin ich?

Kostenlose Fragebögen und Leistungstests zu häuslicher Pflege und Demenz für Angehörige, Fachpersonen und Forschung ab sofort verfügbar

In neun von zehn Fällen erfolgt die häusliche Versorgung von Pflegebedürftigen durch Privatpersonen – meist durch nahestehende Verwandte. Für die Pflegenden stellt das oft eine große Belastung dar: Freie Minuten für Hobbys sowie Zeit für sich selbst bleiben kaum und eine ungestörte Nachtruhe ist nur selten möglich. Auf Dauer wirkt sich das negativ auf die Gesundheit der Pflegenden aus – und auch die Qualität der Pflege leidet. Zugleich gibt es Hinweise, dass Pflegende auch positive Erfahrungen machen: Viele berichten etwa, dass sie sich aufgrund der häuslichen Pflege selbstwirksamer fühlen. Wie hoch die eigene Belastung ist und welche positiven Aspekte die häusliche Pflege individuell mit sich bringt, können pflegende Angehörige nun online herausfinden: Auf www.caregiving-tests.de, einer neuen Website des Zentrums für Medizinische Versorgungsforschung der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik des Uniklinikums Erlangen, stehen dafür ab sofort zwei wissenschaftlich fundierte, alltagsnahe Selbsttests kostenlos zur Verfügung: die Häusliche-Pflege-Skala (HPS) zur Erfassung der Pflegebelastung und die Benefits of Being a Caregiver Scale (BBCS) zur Ermittlung positiver Erfahrungen. Diese und weitere Erhebungsverfahren wurden in den vergangenen drei Jahrzehnten von Prof. Dr. Elmar Gräßel, Leiter des Zentrums für Medizinische Versorgungsforschung, und seinen wissenschaftlichen Mitarbeitenden entwickelt. Mit der Webseite möchte er die Ergebnisse niedrigschwellig zugänglich machen: „Wissenschaft ist kein Selbstzweck. Meinem Team und mir ist es wichtig, dass unsere Forschung genau dort ankommt, wo sie den größten Mehrwert stiftet: bei den Betroffenen.“

Die BBCS und die HPS – beide sind auf Deutsch und in weiteren Sprachen verfügbar – dienen nicht nur der Selbsteinschätzung von pflegenden Angehörigen, sondern auch Fachpersonen aus Gesundheits- und Versorgungseinrichtungen. „Beratungsstellen für häusliche Pflege können beispielsweise die HPS einsetzen, um schnell einen Eindruck von der individuellen Belastungssituation der Rat suchenden Person zu gewinnen und darauf basierend geeignete Hilfen anzubieten“, sagt Elmar Gräßel. Auch für die Forschung sind die Verfahren relevant: So lassen sich neue Entlastungsangebote sowie Maßnahmen zur Stärkung der positiven Erfahrungen mithilfe der HPS und der BBCS evaluieren. „Wir möchten die Situation pflegender Angehöriger verbessern – sowohl indem wir Betroffene für ihre eigene Situation sensibilisieren als auch indem wir Gesundheits- und Versorgungseinrichtungen sowie Forschende mit unkomplizierten, präzisen Testinstrumenten in ihrer Arbeit stärken“, betont PD Dr. Anna Pendergrass, Leiterin der Arbeitsgruppe „Stärkung der häuslichen Pflege“ am Zentrum für Medizinische Versorgungsforschung und Mitentwicklerin der Website.

Tests zur Einstufung alltagspraktischer Fähigkeiten bei Demenz 

Zusätzlich zu den Selbsttests stehen auf der neuen Website fünf weitere Erhebungsverfahren kostenlos zur Verfügung. Diese richten sich vor allem an Fachpersonen aus Gesundheits- und Versorgungseinrichtungen sowie an Forschende. Die Instrumente decken nicht nur weitere Aspekte der häuslichen Pflege ab – z. B. die Beziehungsqualität zwischen pflegender und gepflegter Person sowie Bewältigungsstrategien der Pflegenden –, sondern widmen sich auch der Früherkennung und Verlaufsbeobachtung von Demenz. Alltagspraktische Fähigkeiten sind entscheidend dafür, wie groß der Pflegebedarf eines Menschen mit Demenz ist. „Das Besondere an unseren Testverfahren ist, dass die Fähigkeiten zur Bewältigung alltäglicher Handlungen nicht von Angehörigen eingeschätzt, sondern direkt anhand der tatsächlichen Leistung ermittelt werden“, erläutert Prof. Gräßel. So müssen Betroffene etwa selbstständig eine Schleife binden oder sich die Hände waschen, was anschließend nach definierten Kriterien bewertet wird. „So verhindern wir, dass das Ergebnis durch Unwissenheit oder Zurückhaltung verfälscht wird – viele Angehörige wissen einfach nicht genau, welche Alltagsaufgaben ihre nahestehende Person noch selbstständig bewältigen kann oder wollen sie nicht bloßstellen.“

Kurze Tests, fundierte Ergebnisse

Die insgesamt sieben Fragebögen und Leistungstests sind das Ergebnis jahrzehntelangen Engagements: Seit mehr als 30 Jahren forscht Prof. Gräßel mit seinem Team zur Situation von pflegenden An- und Zugehörigen sowie zu nicht-medikamentösen Therapien bei Demenzerkrankungen. Dabei liegt ihm die psychometrische Forschung besonders am Herzen, also die Entwicklung, Validierung und Anwendung standardisierter Messverfahren. „Uns ist es ein großes Anliegen, dass Fragebögen und Leistungstests nicht nur wissenschaftlich gültig, sondern vor allem auch praktikabel sind. Unsere Instrumente sind daher kurz und unkompliziert – und dennoch messgenau“, erklärt der Versorgungsforscher. Die HPS liefert beispielsweise mit nur zehn Fragen eine präzise Einschätzung der Belastungssituation von pflegenden Angehörigen. Auch die Tests zur Einstufung der alltagspraktischen Fähigkeiten bei Demenz sind mit jeweils fünf zu bewältigenden Aufgaben kurzweilig und ressourcensparend. „Damit sind wir weltweit die einzigen, die so kurze und dennoch aussagefähige Tests für alltagspraktische Fähigkeiten bei Demenz entwickelt haben“, sagt Prof. Gräßel. In Zukunft soll außerdem die internationale Anwendbarkeit weiter ausgebaut werden, wie der Leiter des Zentrums für Medizinische Versorgungsforschung betont: „Schon heute erhalten wir regelmäßig Anfragen aus dem Ausland zur Nutzung unserer Testverfahren. Die HPS gibt es bereits in über 20 Sprachen. Aktuell arbeiten wir daran, unsere demenzbezogenen Leistungstests kulturell so anzupassen, dass bald auch Menschen in Asien und Lateinamerika davon profitieren können.“

Die Tests sind ab sofort kostenlos zugänglich.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Elmar Gräßel
09131 85-34142
elmar.graessel(at)uk-erlangen.de

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