Zum Hauptinhalt springen

Die Wissenschaft

Hintergrund

Depressionen gehören laut Studien der WHO mit einer 12-Monats-Prävalenz von 3.2 % [2] und einer Lebenszeitprävalenz von 17 % [1] zu den häufigsten psychischen Erkrankungen weltweit: Das bedeutet, dass mehr als jeder zehnte Mensch im Laufe seines Lebens an mindestens einer depressiven Episode erkranken wird [3, 4]. Darüber hinaus sorgen Depressionen laut Schätzungen der WHO bis 2020 nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen am zweithäufigsten für gesundheitliche Beeinträchtigungen und werden bis zum Jahre 2030 sogar die häufigste Krankheit in den Industrienationen sein [5, 6].

Trotz bereits existierender wirksamer Therapieansätze wie Psychotherapie und Medikation erhält nur etwa ein Drittel der aktuell an Depressionen erkrankten Personen in Deutschland eine adäquate Behandlung [8]. Gründe hierfür sind unter anderem hohe Hürden bei der Suche nach professioneller Unterstützung, wie beispielsweise das in unserer Gesellschaft mit einer psychischen Erkrankung verbundene Stigma [9]. Dies verdeutlicht die Notwendigkeit der Erprobung und Erforschung weiterer wirksamer, aber auch attraktiver und niedrigschwelliger Therapieangebote, um Barrieren der Inanspruchnahme zu verringern und somit die Versorgung von Menschen mit Depression stetig zu verbessern.

Obwohl körperliche Aktivität in Studien teils ebenso hohe Effektstärken in der Behandlung der Depression aufweist wie Psychotherapie oder die Medikation mit Antidepressiva, existieren aktuell kaum formale Angebote hierfür. Dabei hat körperliche Aktivität nicht nur auf die Psyche, sondern auch auf eine Vielzahl von körperlichen Problemen positive Auswirkungen und zudem das Potenzial, ein niederschwelliger und weniger stigmatisierender Behandlungsansatz zu sein, als die Durchführung einer Psychotherapie oder die Einnahme von Medikamenten. Auch achtsamkeitsbasierte Verfahren, sowie Entspannungsverfahren haben sich in der Behandlung von Depressionen als wirksam erwiesen und werden als ergänzende Therapieformen empfohlen.

Die neuartige Behandlungsmethode der kombinierten Boulder- und Psychotherapie (BPT) ist ein Ansatz, der handlungsorientierte Elemente des Bouldersports (als eine Art der körperlichen Aktivierung) mit psychotherapeutischen Interventionen aus der kognitiven Verhaltenstherapie und Achtsamkeits- sowie Entspannungsübungen verbindet.

Sie vereint somit, mit Ausnahme von Medikamenten, alle in der Behandlung von Depressionen wirksamen Therapiebausteine und bietet den Zugang über eine attraktive Sportart. Denn gerade der Klettersport und insbesondere das Bouldern, verzeichnet in den letzten Jahren einen immer größer werdenden Zuwachs und zunehmende Beliebtheit. Erste Forschungsergebnisse deuten zudem darauf hin, dass Klettern und Bouldern spezifische positive Auswirkungen auf verschiedene Gesundheitsbereiche hat [10, 11].

Auch - aber nicht nur - Patient*innen mit Vorurteilen gegenüber herkömmlichen Therapiemethoden oder negativen Vorerfahrungen mit diesen wird der Zugang zu psychotherapeutischer Versorgung durch die sportliche Therapiekomponente erleichtert. Anders als in herkömmlichen Therapien, bewegen sich Patient*innen in der Boulderpsychotherapie in einem "gesunden" Umfeld und kommen so in Kontakt mit gesunden Personen. Das gemeinsame Bouldern vereint und trägt nach unserer Erfahrung dazu bei, dass sich Patient*innen auch nach Abschluss der Gruppentherapie weiter vernetzen, um das neugewonnene Hobby zu pflegen.

  1. Kessler RC, McGonagle KA, Zhao S, Nelson CB, Hughes M, Eshleman S, et al. Lifetime and 12-month prevalence of DSM-III-R psychiatric disorders in the United States. Results from the National Comorbidity Survey. Archives of general psychiatry. 1994;51(1):8-19. Epub 1994/01/01.
  2. Moussavi S, Chatterji S, Verdes E, Tandon A, Patel V, Ustun B. Depression, chronic diseases, and decrements in health: results from the World Health Surveys. Lancet. 2007;370(9590):851-8. Epub 2007/09/11. doi: 10.1016/S0140-6736(07)61415-9.
  3. Jacobi F, Wittchen H-U, Holting C, Hofler M, Pfister H, Muller N, et al. Prevalence, co-morbidity and correlates of mental disorders in the general population: results from the German Health Interview and Examination Survey (GHS). Psychol Med. 2004;34(4):597-611. Epub 2004/04/22. doi: 10.1017/s0033291703001399.
  4. Busch MA, Maske UE, Ryl L, Schlack R, Hapke U. Prävalenz von depressiver Symptomatik und diagnostizierter Depression bei Erwachsenen in Deutschland. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz. 2013;56(5):733-9. doi: 10.1007/s00103-013-1688-3.
  5. World Health Organization. The International Classification of Functioning, Disability and Health: ICF. Geneva: World Health Organization; 2001.
  6. World Health Organization. Global Burden of Disease. 2004 update Genf: World Health Organization, 2008.
  7. Thornicroft G, Chatterji S, Evans-Lacko S, Gruber M, Sampson N, Aguilar-Gaxiola S, et al. Undertreatment of people with major depressive disorder in 21 countries. Br J Psychiatry. 2017;210(2):119-24. doi: 10.1192/bjp.bp.116.188078.
  8. Corrigan PW, Druss BG, Perlick DA. The impact of mental illness stigma on seeking and participating in mental health care. Psychological Science in the Public Interest. 2014;15(2):37-70.
  9. Buechter RB, Fechtelpeter D. Climbing for preventing and treating health problems: A systematic review of randomized controlled trials. Ger Med Sci. 2011;9. Epub 2011/08/25. doi: 10.3205/000142.
  10. Fruhauf A, Sevecke K, Kopp M. Ist-Stand der Fachliteratur zu Effekten des therapeutischen Kletterns auf die psychische Gesundheit – Fazit: viel zu tun [Current state of the scientific literature on effects of therapeutic climbing on mental health - conclusion: a lot to do]. Neuropsychiatrie. 2019;33(1):1-7. Epub 2018/08/22. doi: 10.1007/s40211-018-0283-0.

PilotstudieKuS

Für die Pilotstudie wurde ein Manual für eine Bouldertherapie entwickelt, welche von Pflegekräften durchgeführt wurde. Die guten Ergebnisse führten zu einer Implementierung dieser Therapieform in die Regelversorgung des Uniklinikums Erlangen (www.kletternundstimmung.de)

In der Pilotstudie wurden über 100 Patient*innen nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt: entweder der sofortigen Interventionsgruppe oder einer Wartegruppe. Die Teilnehmer*innen der Interventionsgruppe trafen sich für einen Zeitraum von 8 Wochen einmal pro Woche für drei Stunden in der Boulderhalle, um gemeinsam mit zwei Therapeut*innen die Bouldertherapie durchzuführen. Die Wartegruppe erhielt in dieser Zeit die Regelbehandlung und durfte erst nach Abschluss der achtwöchigen Interventionsphase an einer Bouldergruppe teilnehmen. Alle Teilnehmenden wurden zu insgesamt 5 Zeitpunkten untersucht (vor Beginn der Interventionsphase als Referenzwert, direkt nach der Interventionsphase, sowie 8 Wochen, 4 Monate und 10 Monate nach der Interventionsphase). Sie gaben dabei unter anderem mit dem BDI (Becks‘ Depression Inventory) das Ausmaß ihrer depressiven Symptome an. Der BDI ist ein Selbstbeurteilungsverfahren und enthält 21 Aussagen zu spezifischen Depressionssymptomen in den letzten 2 Wochen, deren Vorhandensein die Teilnehmer*innen einschätzen können.

Dabei zeigte sich, dass die Bouldertherapie einen signifikant positiven Einfluss auf die Depressivität der Patient*innen hatte. Konkret bedeutet das, dass sich die Teilnehmer*innen in der Bouldertherapiegruppe im Mittel um einen Schweregrad von durchschnittlich einer mittelschweren auf eine leichte depressive Symptomatik verbesserten. Diese Verbesserungen blieben auch 8 Wochen (Luttenberger et al. 2015) bzw. sogar 10 Monate nach Ende der Intervention (Schwarz et al. 2019) stabil (siehe Abbildung 3). Zusätzlich zeigten sich positive Auswirkungen auf eine Reihe weiterer Bereiche, wie Angst, Lebensqualität und Sozialverhalten (Luttenberger et al. 2015). Der positive Effekt der Bouldertherapie auf die Depressionssymptomatik blieb auch erhalten, wenn andere Faktoren, welche sich auf die depressiven Symptome auswirken könnten (wie zusätzlich erhaltene Psychotherapie, die Einnahme von Antidepressiva und das generelle Ausmaß körperlicher Aktivität der Teilnehmer/innen) kontrolliert wurden (Stelzer et al. 2018).

  1. Schwarz L, Dorscht L, Book S, Stelzer EM, Kornhuber J, Luttenberger K. Long-term effects of bouldering psychotherapy on depression: benefits can be maintained across a 12-month follow-up. Heliyon. 2019;5(12):e02929. Epub 2019/12/25. doi: 10.1016/j.heliyon.2019.e02929.  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6911955/
  2. Luttenberger K, Stelzer EM, Forst S, Schopper M, Kornhuber J, Book S. Indoor rock climbing (bouldering) as a new treatment for depression: study design of a waitlist-controlled randomized group pilot study and the first results. BMC Psychiatry. 2015;15:201. doi: 10.1186/s12888-015-0585-8.  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4548691/
  3. Stelzer E-M, Book S, Graessel E, Hofner B, Kornhuber J, Luttenberger K. Bouldering psychotherapy reduces depressive symptoms even when general physical activity is controlled for: A randomized controlled trial. Heliyon. 2018;4(3):e00580. doi: 10.1016/j.heliyon.2018.e00580.  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5968135/

StudieKuS

In der StudieKuS wurde das Manual der Bouldertherapie weiterentwickelt: es wurde von 8 auf 10 Therapiestunden erweitert, psychotherapeutische Inhalte wurden ergänzt und es wurden zusätzliche Achtsamkeits- und Entspannungsübungen eingefügt. Die Boulderpsychotherapie entstand!

Die wissenschaftliche Überprüfung der Boulderpsychotherapie erfolgte in einer 3-armigen Multicenter-Studie  in mehreren deutschen Städten (Dorscht et al. 2019). In dieser wurde die Boulderpsychotherapie mit Angeboten aus der Regelversorgung verglichen. 233 Patientinnen und Patienten wurden zufällig Einer der folgenden Interventionen zugeteilt: Boulderpsychotherapie (BPT), kognitive Verhaltenstherapie (KVT) (beide in Gruppen) oder ein aktivierendes Bewegungsprogramm. Letzteres bestand aus einem daheim durchzuführenden angeleiteten Sportprogramm, das ähnliche Muskelgruppen wie die Boulderpsychotherapie beanspruchte. Patient*innen wurden vor der Therapie, nach der Therapie sowie noch weitere drei Mal nach Ende der Therapie bis zu einem Jahr nach Therapieende untersucht. Die Einschätzung der depressiven Symptomatik erfolgte dabei durch die Fremdeinschätzung geschulter Rater in einem diagnostischen Interview (MADRS, Montgomery and Asberg Depression Scale). Fremdeinschätzungen gelten als weniger anfällig für Verzerrungen als Selbsteinschätzungen.

Dabei zeigte sich in der BPT-Gruppe eine deutliche Reduktion der depressiven Symptomatik, von einer moderaten zu einer milden Depressionssymptomatik in der Fremdbeurteilung anhand des diagnostischen Interviews (siehe Abbildung 4). Diese Verbesserungen waren deutlich stärker, als in der Gruppe, die mit dem aktivierenden Bewegungsprogramm zu Hause trainiert hatte (Karg et al. 2020). Es zeigte sich somit, dass die Effekte der Boulderpsychotherapie über die der reinen körperlichen Aktivierung hinausgehen. Bei den Teilnehmer*innen der KVT-Gruppe zeigten sich wie erwartet ebenfalls deutliche Verbesserungen der depressiven Symptomatik, die allerdings nicht über die Effekte der BPT-Gruppe hinausgingen (non-inferiority der BPT im Vergleich zur KVT). Somit konnte die Hypothese bestätigt werden, dass die Boulderpsychotherapie mindestens gleich wirksam ist, wie der bisherige Goldstandard in der Depressionsbehandlung, die kognitive Verhaltenstherapie (Luttenberger et al. 2021).

Auch in weiteren Bereichen, wie insbesondere der Selbstwirksamkeit, zeigten sich signifikante Verbesserungen durch die Boulderpsychotherapie (Kratzer et al. 2021). Außerdem wurde die Boulderpsychotherapie trotz ihrer teilweise höheren Kosten aufgrund von Halleneintritten in einer gesundheitsökonomischen Auswertung als eine kosteneffektive Art der Depressionsbehandlung eingeschätzt (Schwarzkopf et al. 2021).

 

  1. Dorscht L, Karg N, Book S, Graessel E, Kornhuber J, Luttenberger K. A German climbing study on depression: a bouldering psychotherapeutic group intervention in outpatients compared with state-of-the-art cognitive behavioural group therapy and physical activation - study protocol for a multicentre randomised controlled trial. BMC Psychiatry. 2019;19(1):154. Epub 2019/05/19. doi: 10.1186/s12888-019-2140-5.
    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6525374/
  2. Karg N, Dorscht L, Kornhuber J, Luttenberger K. Bouldering psychotherapy is more effective in the treatment of depression than physical exercise alone: results of a multicentre randomised controlled intervention study. BMC Psychiatry. 2020;20(1):116. Epub 2020/03/14. doi: 10.1186/s12888-020-02518-y.
    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7066840/
  3. Luttenberger K, Karg-Hefner N, Berking M, Kind L, Weiss M, Kornhuber J, Dorscht L. Bouldering psychotherapy is not inferior to cognitive behavioural therapy in the group treatment of depression: A randomized controlled trial. Br J Clin Psychol. 2021 Nov 17. doi: 10.1111/bjc.12347.
    Bouldering psychotherapy is not inferior to cognitive behavioural therapy in the group treatment of depression: A randomized controlled trial - PubMed (nih.gov)
  4. Kratzer A, Luttenberger K, Karg-Hefner N, Weiss M, Dorscht L. Bouldering psychotherapy is effective in enhancing perceived self-efficacy in people with depression: results from a multicenter randomized controlled trial. BMC Psychol. 2021 Aug 26;9(1):126. doi: 10.1186/s40359-021-00627-1. PMID: 34446114; PMCID: PMC8393466.
    Bouldering psychotherapy is effective in enhancing perceived self-efficacy in people with depression: results from a multicenter randomized controlled trial - PubMed (nih.gov)
  5. Schwarzkopf L, Dorscht L, Kraus L, Luttenberger K. Is bouldering-psychotherapy a cost-effective way to treat depression when compared to group cognitive behavioral therapy - results from a randomized controlled trial. BMC Health Serv Res. 2021 Oct 26;21(1):1162. doi: 10.1186/s12913-021-07153-1 
    Is bouldering-psychotherapy a cost-effective way to treat depression when compared to group cognitive behavioral therapy - results from a randomized controlled trial - PubMed (nih.gov)