Konzept
Die Boulderpsychotherapie verbindet handlungsorientierte Elemente des Boulderns (Klettern ohne Seil in Absprunghöhe) mit psychotherapeutischen Interventionen aus der kognitiven Verhaltenstherapie und Achtsamkeits- sowie Entspannungsübungen. Sie wurde für die Gruppenbehandlung von Personen mit aktueller Depressivität entwickelt und in mehreren Studien wissenschaftlich evaluiert. Dabei hat sie sich als wirksam erwiesen und es konnte im Vergleich mit etablierten Konzepten zur Depressionsbehandlung gezeigt werden, dass die Boulderpsychotherapie wirksamer ist als körperliche Aktivität alleine und mindestens genauso wirksam wie eine kognitive Verhaltenstherapie.
Das Online-Manual BouldApy bietet interessierten Therapeut*innen einen digitalen Zugang zum evaluierten Therapiekonzept der Boulderpsychotherapie.
Das Schulungsmaterial auf dieser Homepage richtet sich an Therapeut*innen, die erfahren sind in der Behandlung psychischer Störungen, die außerdem Kletter- bzw. Bouldererfahrung in der Betreuung von Gruppen haben und die Boulderübungen in ihre Therapie integrieren möchten. Bei der Durchführung der Boulderpsychotherapie sollte mindestens eine Person im therapeutischen Team als psychologische*r Psychotherapeut*in approbiert sein und mindestens eine Person zur Leitung von Kletter- oder Bouldergruppen berechtigt sein (mind. DAV Kletterbetreuer*in, Klettererfahrung Grad 7 UIAA).
Behandlungsplanung
Das Gesamtkonzept für eine Gruppentherapie zur Behandlung von Depressionen ist auf eine Gruppe von zehn Teilnehmenden unter der Leitung von mindestens zwei Therapeut*innen ausgelegt. Bei nur einem*r Therapeut*in sollte die Gruppengröße auf maximal 5 Teilnehmende reduziert werden. Manche Übungen können auch als Einzel- oder Partnerübungen durchgeführt und herausgegriffen werden, um einen Behandlungsplan mit praktischen Übungen anzureichern.
Das Manual enthält 10 Sitzungen zu verschiedenen Themen mit dazu passenden Übungen. In einigen Stunden gibt es Alternativübungen, die zusätzlich oder wahlweise durchgeführt werden können. Bei freier Zeit kann nach Abschluss der Übungen auch immer die Möglichkeit zum freien Bouldern gegeben werden. Meist ist die Zeit allerdings eher knapp bemessen, es ist deshalb wichtig, Vorbereitungszeit für sich und die Teilnehmenden zum Ankommen, Umziehen und unter Umständen Schuhe ausleihen einzuplanen.
Für einige Übungen werden Materialien benötigt, die unter der Rubrik „Material“ aufgeführt sind. Insgesamt sollte für die Durchführung der Boulderpsychotherapie folgendes Material bereitgehalten werden:
- 2 Rollen Tape, alternativ Kreppband
- Augenbinden/Tücher
- 2 Expressenschlingen (alternativ: Schnur, Holzdübel etc.)
- Materialien, um einen Parcours zu bauen, z.B. kurze Seile, Tücher, Strohhalme, Springschnüre, Kartons, Piraten-Augenklappe
- Wollknäuel mit leicht reißendem Wollfaden
- Lange Rolle mit fester Schnur (Schürsenkel)
- 12 Wäscheklammern, 4 Klemmbretter
- Langes Seil
Therapeutische Haltung
Die therapeutische Grundhaltung wird zu Beginn der Therapie explizit besprochen. Den Teilnehmenden wird verdeutlicht, dass die Boulderpsychotherapie ihre ganz persönliche Zeit ist, die sie für sich selbst nutzen können, um etwas zu verändern. Es geht nicht um Leistung (und auch nicht primär darum, bouldern zu lernen), sondern darum, sich selbst auszuprobieren und Erfahrungen zu machen. Es besteht grundsätzlich kein Zwang, an den Übungen teilzunehmen und die Teilnehmenden sollen bei allen Übungen gut auf ihre Grenzen achten. Jedoch sind Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen und die Bereitschaft, sich auf Neues und Ungewohntes einzulassen eine notwendige Voraussetzung für Veränderungen. Wichtig ist es, auch von Therapeutenseite keinen Leistungsdruck zu erzeugen, sondern die Teilnehmenden zu begleiten, in ihrem eigenen Tempo Erfahrungen machen zu können. Themen der Teilnehmenden kommen meist in mehreren Übungen zum Vorschein, es kann also ruhig abgewartet werden, ob Erkenntnisse in einer späteren Übung noch kommen.
Das Therapierationale der Boulderpychotherapie basiert darauf, dass das Bouldern als Übertragungsmöglichkeit bzw. Brennglas wirkt, indem die „Probleme aus dem Leben“ der Teilnehmenden in den „Boulderproblemen an der Wand“ sichtbar und erlebbar werden. Ziel ist es, im geschützten Rahmen der Therapie direkt neue Lösungsmöglichkeiten ausprobieren zu können, die dann in einem weiteren Schritt in den Alltag übertragen werden.
Bezüglich der Anrede zwischen Therapeut*innen und Teilnehmenden entsteht in der Boulderpsychotherapie ein Spannungsfeld zwischen der notwendigen therapeutischen Distanz, welche durch das Siezen unterstützt werden kann und der entspannten Atmosphäre in der Halle, welche das Duzen nahelegt. Das Thema sollte proaktiv angesprochen werden und jede*r Therapeut*in sollte eine eigene Lösung finden, die ihm/ihr entspricht. Ein möglicher Vorschlag wäre das Siezen unter Verwendung der Vornamen. Teilnehmende untereinander sollten gemeinsam entscheiden, welche Form sie sich aussuchen möchten, wobei das in der Regel das Duzen sein wird.
Allgemeiner Ablauf der Stunden
Startphase (35 Minuten, im Gruppenraum)
| Achtsamkeitsübung | Jede Stunde wird durch eine Achtsamkeitsübung eingeleitet. Die Achtsamkeitsübungen verändern sich im Laufe der Therapie von außenorientierter Achtsamkeit (5-4-3-2-1) zu Beginn, hin zu innenorientierter Achtsamkeit (Body Scan, Atemmeditation) in den letzten Stunden. Die Anleitung durch die Therapeut*innen soll im Verlauf der Therapie stetig abnehmen, um die Teilnehmenden zunehmend in selbstgesteuerter Achtsamkeit zu trainieren. |
| Befindlichkeitsrunde | Jede*r Teilnehmende beschreibt kurz (!), in welcher Stimmung er/sie sich gerade befindet. Wichtig ist es, hierbei im Hier und Jetzt zu bleiben und zu lange Ausführungen zu beschränken. |
| Stundenthema | Die Therapeut*innen leiten kurz (!) das Thema der jeweiligen Stunde ein. Zur Veranschaulichung des Themas stehen für manche Stunden entsprechende Modelle oder Metaphern zur Verfügung. Eine Vertiefung des Themas sollte zu diesem Zeitpunkt vermieden werden, da dies während der therapeutischen Betreuung der Kleingruppen während der Boulderübungen erfolgt. |
Aktive Phase (60 Minuten, in der Boulderhalle)
| Aufwärmen | In der Gruppe erfolgt ein körperliches Aufwärmprogramm mit den Teilnehmenden. Zur Erhöhung der Bereitschaft und Förderung der Gruppenkohäsion kann optional mit den Teilnehmenden in der ersten Stunde ein Gruppenritual eingeführt werden: Die Teilnehmenden bilden einen Kreis, fassen sich an den Händen, und zählen von 3 runter. Dann springen sie in die Luft, bringen die Arme mit Schwung nach oben und rufen laut „Bouldern, Yeah!“. |
| Gruppenübung/en Boulderübung/en | Jede Stunde enthält mind. eine Boulderübung und/oder Gruppenübung. Für die meisten Übungen werden die Teilnehmenden auf zwei Gruppen aufgeteilt, für die jeweils ein*e Therapeut*in zuständig ist. Die Therapeut*innen sollten über die Therapiestunden hinweg zwischen den Gruppen wechseln, sodass nicht immer die gleichen Teilnehmenden derselben*demselben Therapeut*in zugeteilt sind. Einige Übungen erfolgen in Zweiergruppen, in diesem Fall betreut ein*e Therapeut*in mehrere Zweiergruppen. Wenn mehrere Übungen in der Stunde enthalten sind, ist es auch eine Möglichkeit, „Stationen“ anzubieten, bei denen je ein*e Therapeut*in eine Übung betreut und die Teilnehmenden von einer Übung zur anderen wechseln. |
Abschlussphase (25 Minuten, im Gruppenraum)
| Abschlussrunde | Abschließend besprechen die Therapeut*innen mit den Teilnehmenden nach, welche Erfahrungen diese während der Übungen gemacht haben und lassen ihnen Raum, sich auszutauschen und das Erlebte erneut in der Gruppe zu reflektieren. Hierbei sollen die Therapeut*innen die bereits in den Übungen besprochenen Erfahrungen im Hinterkopf haben, um die Diskussion in die gewünschte Richtung zu lenken und wesentliche therapeutische Aspekte zum jeweiligen Thema erneut herauszuarbeiten. |
| Entspannungsübung | Zum Abschluss der Stunde wird eine körperorientierte Entspannungsübung angeleitet. In den ersten vier Stunden wird die Übung Der Baum angeleitet, in den folgenden vier Stunden die Übung Der Berg. Welche Übung in den letzten beiden Stunden angeleitet werden soll, dürfen die Teilnehmenden entscheiden. |
Boulderübungen mit therapeutischer Begleitung
Die Boulderübungen werden von den Therapeut*innen begleitet und nach Möglichkeit werden aufkommende Themen direkt an der Wand besprochen. Hierbei sollte immer auch ermöglicht werden, es noch mal anders zu probieren (z.B. die Übung nochmal mit Kommunikation und der Äußerung von Bedürfnissen durchzuführen), um Alternativverhalten direkt auszuprobieren und zu reflektieren.
Hilfreiche Leitfragen zur Begleitung der Übungen sind allgemein:
- Wie war es für Sie?
- Kennen Sie das von sich/aus anderen Situationen?
- Wie könnte man es anders machen?
Für die meisten Boulderübungen sind mögliche Variationen in der Beschreibung aufgeführt, durch die sich entweder der Schwierigkeitsgrad der Übung erhöhen lässt, oder der Fokus auf einen anderen Erlebens-Bereich verlagert wird. Die Variationen können von den Therapeut*innen zusätzlich angeleitet werden, wenn diese den Eindruck haben, dass das therapeutische Potential der Basis-Übung erschöpft ist und die Teilnehmenden auf Grundlage dieser keine neuen Erfahrungen mehr machen können. Ob und welche Variation durchgeführt werden soll, ist von den Therapeut*innen in Abhängigkeit von der Kleingruppe/des individuellen Niveaus der Teilnehmenden zu bestimmen.
Da für manche Übungen spezielle Begebenheiten der Boulderwand hilfreich bzw. erforderlich sind, ist in jeder Übung der Punkt „Wandvoraussetzungen“ zu finden, unter dem spezielle Erfordernisse der Wand aufgeführt sind (sofern vorhanden). Es ist sinnvoll, wenn sich die Therapeut*innen damit vor der Stunde befassen und die Wand entsprechend präparieren bzw. in Kooperation mit den Mitarbeiter*innen der Boulderhalle präparieren lassen.
Materialien für Teilnehmende
Nach Abschluss der jeweiligen Stunde kann ein Feedbackbogen an die Teilnehmenden ausgeteilt werden, den sie daheim schriftlich für sich beantworten und an die Therapeut*innen zurückgeben können, wenn sie möchten. Die Feedbackbögen werden von den Therapeut*innen gelesen, aber nicht grundsätzlich besprochen. Sie dienen dazu, die Teilnehmenden zur erneuten Beschäftigung mit der Boulderpsychotherapie anzuregen und die Erfahrungen der Bouldertherapiestunde zu reflektieren. Für die Therapeut*innen ermöglichen sie einen Überblick, wie es den Teilnehmenden in der Stunde ergangen ist. Sollte es in einem der Feedbackbögen Auffälligkeiten geben, können die Therapeut*innen den/die entsprechende*n Teilnehmender*in in der nächsten Stunde darauf ansprechen.
Zu den Achtsamkeits- und Entspannungsübungen gibt es schriftliche Anleitungen, die jeweils nach der Stunde, in der die entsprechende Übung erstmals angeleitet wurde, an die Teilnehmenden ausgeteilt werden können.
Vertiefungsmaterialien für Therapeut*innen
Literatur
Lukowski, T. Klettern in der Therapie. Ernst Reinhardt Verlag.
Kowald A, Zajetz A (Hrsg.). Therapeutisches Klettern. Anwendungsfelder in Psychotherapie und Pädagogik. Klett-Cotta.
Fortbildungen
Erfahrungsfeld Klettern GbR Erfahrungsfeld Klettern (erfahrungsfeld-klettern.de)
Institut für therapeutisches Klettern e.u. (ITK) Therapeutisches Klettern | Ausbildungen im Bereich Therapieklettern
Dr. med. Thomas Lukowski Ausbildungskurs „Klettern in der Psychotherapie
DAV Ausbildungsprogramm (z.B. Kletterbetreuer*in) DAV-Ausbildungsprogramm 2023 - Startseite - DAV Ausbildungsprogramm 2023 (alpenverein.de)
Wissenschaftliche Studien
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